Sukzessionale Agroforstwirtschaft oder: Im Fluss der Natur

Sukzessionale Agroforstwirtschaft oder: Im Fluss der Natur

Während meiner Zeit in Nicaragua wurde ich zu einem Seminar geladen, dass Naturefund zusammen mit ADECA in der Region des tropischen Trockenwaldes durchführte. Als Referent war Walter Yana von ECOTOP geladen, ein Bauer aus dem Bolivianischen Tropenwald, mit jahrelanger Erfahrung in der Anwendung in sukzessionalen Agroforstsystemen. Er erklärte uns das Prinzip im botanischen Garten von Adeca. 30 Familien waren zum Seminar eingeladen, allesamt Bauern und Bäuerinnen, die vor Allem um ihre Selbstversorgung bemüht sind und nah am Existenzminimum leben.

Walter teilte uns in Gruppen uns stellte uns drei Fragen. Was produzieren wir? Welche Probleme haben wir? Welche Lösungen finden wir? Nun, in der Region der trockenen Tropen produzieren die Bauern Reis, Bohnen, Yucawurzeln, Hirse, Mais. Ihre Probleme sind Trockenheit, ausgelaugte Böden, Samenknappheit, vermehrte Plagen und Krankheiten, Klimawandel und Monokulturen. Lösungen sind Bewässerung, Düngung durch chemischen und organische Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel. Walter erzählt über seine Region in Bolivien. Hier werden auch Reis, Bohnen, Yuca, Hirse und Mais angebaut, außerdem noch Koka.

Die nicaraguanischen Bauern und Bäuerinnen schmunzelten. Aha, sagten sie, kein Wunder geht es ihnen gut, wenn sie Kokain verkaufen… Nein, sagt Walter, mit Kokain hat das nichts zu tun und es ist auch nichts illegales. Was es damit auf sich hat, will er uns dann erzählen, wenn wir schon auf unseren Stühlen einschlafen. So schnell bringt er uns dazu aber nicht, denn wir laufen durch den Garten zu einem kleinen Modell, dass er für uns aus Erde und Zweigen gebaut hat. Es zeigt die Wiederbesiedelung von ausgelaugten Böden durch die Natur.

Zunächst wachsen dort Pionierpflanzen wie Gräser und Kräuter. Gleichzeitig keimen Bäume. Absterbende Krautpflanzen formen fruchtbare Erde und ermöglichen es den Baumsamen, ihre Wurzeln zu erweitern. Die Bäume wiederum verlieren ihre Blätter und liefern Nahrung für die anderen Pflanzen. Es ist ein sich aufbauender Kreislauf, bei dem jedes Element eine wichtige Rolle spielt, auch wenn es nicht auf dem Ersten Blick ersichtlich ist. Auf diese Weise formt sich eine dicke Bodenschicht und es entsteht das produktivste Ökosystem der Welt: Ein Wald.

Die Bauern und Bäuerinnen in Bolivien nutzen dieses Prinzip, um die Fruchtbarkeit der Böden und eine gesunde Dynamik der Landwirtschaft aufzubauen und beizubehalten. Sie versuchen dabei, die Landwirtschaft möglichst nahe im Bereich des Waldes zu halten, also Pflanzen verschiedener Stratusschichten zu erhalten, die die Biomasse erhöhen. Direkt nach Aussaht von Kulturpflanzen wie Mais, Bohnen, Reis alle zusammen in Mischkultur, werden die Zweige der hohen und mittelhohen Bäume geschnitten um genügend Licht für die Saat bereitzustellen.

Die geschnittenen Blätter werden auf dem Boden verteilt, daraus entwickelt sich langsam aber stetig die Humusschicht. Durch Aufbau und Erhaltung der Pflanzenvielfalt wird das System resistent gegen Krankheiten und Plagen, die Bauern sparen sich also die Schädlingsbekämpfungsmittel. Unterm Strich gewinnt also der Wald und die Menschen.

Das klingt sehr interessant, spannend für alle Anwesenden. Es schläft also niemand, dennoch wollen wir jetzt wissen, was es mit dem Koka auf sich hat. Walter erklärt uns, dass es eine alte Kulturpflanze der indianischen Bauern in Bolivien ist, die in der Backe gekaut wird. Sie soll aufweckend wirkend und Hunger stillen. Vor dem Samensäen werden Kokablätter und Wein den Göttern geopfert.
Ein Bauer stellt die Frage, welche Götter es denn sind, er kenne nur einen, das wäre Jesus Christus. Walter erklärt den dass es jeder Gott sein kann, vor Allem wird in Bolivien Pacha Mama, die Mutter Erde verehrt. Was der Mensch von ihr nimmt, muss er ihr wieder zurückgeben und sei es in Form von etwas, was er nicht braucht. Die nicaraguanischen Bauern staunten und ich schmunzelte über diesen spannenden Moment der zwischenamerikanischen Kulturbegegnung.

Am folgenden Tag durften wir unsere eigene Parzelle im Botanischen Garten von ADECA anlegen. Wir säen eine Vielfalt von Samen: Mais, Bohnen, Yucawurzeln, Waldbäume, Sträuchern, Fruchbäumen. Die umstehenden Bäume wurden entastet und ihre Blätter auf dem Boden verteilt. Wie motiviert alle mit ihren Macheten hieben! Ah, im Zerstören sind wir gut, witzelte Henry mit den Bauern, im Aufbauen müssen wir uns noch üben. Die umstehenden Bäuerinnen lachten.

In mir hat das neue Prinzip einen deutlichen Aha!- Effekt ausgelöst. Denn für mich neu ist Idee, so vielfältige Samen wie möglich zu säen, sich alle Stratusschichten zu bedienen um die natürliche Dynamik zu erhalten und an Maximum am Biomasse zu erzeugen, die dem Boden durch Baumschnitt schneller in Form von sich langsam zersetzendem Humus zurückgegeben wird. Und das alles ohne Dünger und Schädlingsbekämpfung.

Das Prinzip kann auf jedem Fleck der Erde angewendet werden. Allerdings benötigt es eine Anpassung an das jeweilige lokale Ökosystem. Das Prinzip, so gut es ist, hat sich noch nicht wie Lauffeuer um die Welt verbreitet, da es eines gewissen Feingefühls und einer stetigen Pflege bedarf, damit es nicht aus dem Gleichgewicht gerät und zum Beispiel die schnell wachsenden Bäume die Kulturpflanzen verdrängen. Der Bauer oder die Bäuerin muss also eine Gabe besitzen: In der Natur zu lesen. Die Natur ist die Beste Lehrerin der Welt, nur wir scheinen vergessen zu haben, ihre Sprache zu verstehen. Walter sagte uns, alle Anzeichen, seien es Krankheiten, zu schnelles oder zu langsames Wachstum, Schädlinge, sind Zeichen der Natur, die wir interpretieren können um unsere Pflegemaßnahmen anzupassen.