Gespräch mit der Erde

Gespräch mit der Erde

„Sag mal, wie findest Du es eigentlich, was wir Menschen so machen auf Dir, liebe Erde?“ flüsterte ich in ein imaginäres Erdloch.

„Ich freue mich“, antwortete die Erde, „wie aktiv ihr auf mir seid. Ihr nutzt eure Kreativität, um Dinge zu schaffen. Dinge, die euch helfen, euch auf mir fortzubewegen, zu kommunizieren, Spass zu haben. Euer Netzwerk umspannt mich und gibt mir Möglichkeiten, mich an allen Enden zu spüren.

Dies ist nicht allein euer Werk. Andere Lebewesen erkären sich bereit, euch beizustehen. Die Bäume opfern ihre Söhne und Töchter, um Papier, Möbel und Baumaterial herzustellen. Die Tiere liefern euch ihr Fleisch und sind euch treue Lebensgefährten.

Auch die Elementargeister begleiten euch. Die Erdgeister liefern Mineralien, mit denen ihr eure Häuser und Maschinen bauen könnt. Die Feuergeister entzünden jedes einzelne eurer Fahrzeuge und Maschinen. Die Luftwesen tragen die Wellen, die zur Kommunikation zwischen Euch beitragen. Und die Wassergeister bringen zu Euch unermüdlich die Lebenskraft des Wassers.

Ihr seht also: Alle Wesen der Erde begleiten euch und eure Ideen und Wünsche.

„Manchmal“, sagte mir die Erde dann, „erreichen mich Nachrichten der Wesen, dass sie unendlich traurig sind. Es sind die Momente, in denen Ihr diese Dinge annehmt, ohne ein Wörtchen der Dankbarkeit. Als wären all diese Dinge alleine durch euch geschaffen worden. Ihr könntet die Wesen sehr glücklich machen, wenn ihr nur Danke sagt, für das, was ihr täglich bekommt!“

Sie hat Recht, die gute Erde. Wir Menschen sind sehr überheblich.

Und obwohl es ein Leichtes für sie wäre, uns loszuwerden, unterstützt uns die Erde und alle Wesen, die mit uns auf ihr wohnen, unsere Träume zu verwirklichen.

Was bleibt mir also, als zu sagen

Danke!

Der Garten: Lebensraum Natur für uns Menschen

Der Garten: Lebensraum Natur für uns Menschen

Immer wieder höre ich Worte der Ratlosigkeit angesichts der Umweltprobleme, die wir Menschen auslösen. Ein Verschwinden der Artenvielfalt, Verstädterung, chemische Verseuchung unserer Böden, Vergiftung unserer Nahrung – was können wir tun?

Wenn wir die gesamte Verantwortung und Handlungsmacht an Firmenchef, Großkonzerne, Politiker, Mitmenschen in Machtpositionen abgeben, dann können wir erstens lange warten bis sich etwas ändert und zweitens kommen wir der Realität gar nicht nahe. Ein Großteil der Grundstücke in Deutschland sind in Privatbesitz, viele davon in Gartenstrukturen. Natur ist nicht „irgendwo da draußen, ganz weit weg“. Sie ist direkt vor unserer Haustür.

Auf Grund der Verödung landwirtschaftlicher Felder gibt es sogar das Phänomen, dass Wildtiere und Pflanzen zunehmend in den besiedelten Raum vordringen – in Parkanlagen, Vorgärten, Schrebergärten und Innenhöfe. Und genau dort steht unsere Macht über die Natur näher als wir denken. In diesen Räumen interagiert die wilde Vielfalt mit unserer Nutzpflanzenvielfalt, die von Privatpersonen bewahrt wird. Vielen ist diese wichtige kulturelle Aufgabe nicht einmal bewusst.

Wer ökologisch Gärtnern möchte, um dadurch Wild- und Nutzvielfalt zu erhalten, findet immer einen Weg.

Die zehn Gebote des permakulturellen Lebens

Die zehn Gebote des permakulturellen Lebens

Original auf Spanisch von Antonio Urdiales Cano permacultura.com.ar

Die Permakultur bietet ein nachhaltiges Leben ohne zeitliches Limit. Sie zeigt uns fast ohne energetischen Aufwand zu leben und zu arbeiten und ohne das Ökosystem und den Menschen zu schädigen. Dies ist eine Anwendung der Gesetze der Permakultur im Inneren einer Person. Sie sind wie religiöse Gebote aufgelistet, weil wir es die lustigste Art fanden. Wenn wir eine andere Art finden, die uns noch mehr Spass bring, ändern wir es.

1. Bezahle nichts
Das bezieht sich auf die eigenen Nahrungsmittel, Energie, Wasser, Gas. Also weder Nahrungsmittel noch täglich genutzte Ressourcen zukaufen. Die mentale Gesundheit einer Person lässt sich in Geld messen: Je mehr du ausgibst, um so ungesünder bist du. Unser Finanzminister lebt von mehr als 10.000 Euro im Monat, das ist das Maß seiner mentalen Gesundheit.

2. Arbeite so wenig wie möglich
Darin sind wir schnell Experten. Die Permakultur zeigt uns zu produzieren ohne die Erde zu bearbeiten, ohne zu mähen, Unkraut zu jäten, Steine zu sammeln, Heu zu machen und ohne Baumschnitt und Veredelung. Praktisch gar nichts. Wenn wir aufhören, gegen die Natur zu kämpfen, hören wir auch auf, unnötig Energie und Ressourcen zu vergeuden.

3. Mach was dir gefällt und verdiene damit
Anstatt das ganze Leben zu arbeiten um so viel Geld zu verdienen, damit ich etwas machen kann, was mir gefällt, geht es darum, von Anfang an etwas zu tun, was mir gefällt und alles was ich damit verdiene, und ist es noch so wenig, wird mehr als genug sein. Auf Handwerk kann man genauso stolz sein wie auf intellektuelle Tätigkeiten. Es ist gut, sich dem Handwerk zu widmen, um jene nicht zum studieren zu zwingen, denen die Büroarbeit nicht gefällt. Wir wollen eine Welt, in der kein Fischer davon träumt, ein Ingenieur zu sein und kein Ingeneur davon träumt, Fischer zu sein.

4. Bestimme selbst, was dir gefällt und lass nicht die großen Firmen entscheiden, was dir gefällt. Die Sklaven von früher waren die Arbeiter, jetzt sind es wir, die Konsumenten. Früher wurde mit der Peitsche versklavt, jetzt mir dem Glauben, dass uns dies und jenes gefällt. Sie lassen uns glauben, dass Plastik essen, Farbe trinken und selbst Auto zu fahren uns gefällt und dass der Beste Platz 1000 km von uns entfernt ist. Die Tourismusagenturen von hier sagen uns, dass dort der beste Platz ist. Dort sagen sie, der beste Platz ist ganz wo anders. Die meisten Stunden am Tag arbeiten wir, damit wir uns dieses Glück kaufen können, die Freizeit und Urlaubstage müssen dafür herhalten, dieses Glück, das uns die großen Firmen versprechen, zu erreichen.

Wir sind programmierbar und deshalb auch selbstprogrammierbar. Wir autoprogrammieren uns nach der Gier und der Gewalt, die wir in den Filmen sehen und es gibt mehr Gewalt in der Welt. Wir programmieren uns nach den tragischen Liebesgeschichten in der Seifenopern und schon haben auch wir Pech in der Liebe. Wenn die Freiheit existiert, dann dafür, dass wir uns selbst programmieren können, und zwar genau so, wir wie es uns selbst gefällt.

5. Deine Arbeit soll Deinen Bauch füllen und Dein Selbstwertgefühl (Ego)

Es reicht nicht aus, nur Geld zu verdienen. Wenn jemand das macht, was ihm gefällt, gibt ihm die Arbeit das Gefühl, nützlich zu sein, um die Welt kennen zu lernen, um eine Aufgabe in einer Gruppe zu übernehmen und vor allem, um das Selbstwertgefühl zu steigen [Kopie von (Lo pequeño es hermoso) von Frid Schumacher]. Jede Arbeit die du tust sollte dir Geld und Stolz einbringen. Wenn du Gitarre im Zug spielst, reicht Geld alleine nicht Geld aus, du brauchst auch Applaus.

6. Tu was du tun musst, und wenn du der einzige bist.

Um herauszufinden, ob etwas gut oder schlecht ist, stell dir die Frage: „Was passiert wenn alle Bewohner der Welt es tausende Jahre lang machen?“ Wenn nichts passiert, ist gut. Wenn es nicht permanent anwendbar ist, ist es schlecht. Doch es gibt andere Vorstellungen, die in der Gesellschaft kreisen, die sagen „Wenn es nicht alle machen, dann macht es keinen Sinn, darum mache ich es nicht“. Darum wird hier vorgeschlagen, das korrekte zu tun, auch wenn du der einzige bist. Sag es jemanden anderen, er soll da korrekte tun, auch wenn er der einzige ist und er sagt es jemanden andern und so weiter.

7. Suche Kooperationen mit beidseitiger Abhängikeit (Mutualismus) 
Eine Kooperation mit einseitiger Abhängigkeit ist unmoralisch für beide Seiten. Völlige Freiheit ist frei von Moral (weder gut noch schlecht). Wenn ich frei bin, verletze ich das Recht von niemanden, aber ich nütze auch niemanden. Bei Kooperationen mit beidseitiger Abhängigkeit (Mutualismus) haben beide Seiten einen Nutzen, doch immer die Option, diese zu beenden.

Es ist nicht möglich, dass die beiden Teile von einseitiger Abhängigkeit in beidseitige Abhängigkeit übergehen. Das ist nur von der Freiheit aus möglich. Es ist wichtig, dass beide Teile selbstversorgend und in sich stabil sind um eine Beziehung einzugehen. Wir sprechen von Beziehungen zwischen Pflanzen, Tieren, Menschen, Institutionen und Ländern.

8. Such deinen inneren Abfall, verzeihe ihm und verwandle ihn in Kaft.
Der innere Abfall, nenne es Überheblichkeit, Eitelkeit, Gier, Egozentrismus, Manipulation, etc., je nachdem wie es in dir selbst aussieht. Um dieses Gebot richtig zu verstehen, musst du eine Erfahrung machen. Lerne, Kompost herzustellen ohne dass sich Flüssigkeit bildet oder fauler Geruch. Die Personen, die dies geschafft haben, lernten etwas unnützliches und abstoßendes sich in etwas angenehmes und wertvolles verwandelt hat. Sie haben sich gefragt: „ Was passiert, wenn ich das mit den anderen Dingen im Leben mache?“ 
Es ist wichtig, dieses Gebot zuerst mit deinem äußeren Abfall zu üben, und danach mit deinem inneren Abfall.

9. Versuche Nutzen aus den schlechten Menschen zu ziehen, ohne dass sie aufhören, schlechte Menschen zu sein.
Wenn du einmal deinem eigenen inneren Abfall erkannt und ihm verziehen hast, kannst du auch die „schlechten Menschen“ verstehen und ihnen verzeihen. Du kannst sogar nützliche Kooperationen in gegenseitiger Abhängigkeit mit ihnen eingehen, ohne zu versuchen, sie zu ändern.

10. Ändere diese Gebote so wie es dir gefällt. 

Kleine Helferwesen

Kleine Helferwesen

Elfen sind meine Begleiter im Leben. In brenzlichen Situationen sind sie da, beruhigen mich und zeigen mir Auswege. Sie helfen mir beim strategischen Planen und schenken mir Zuversicht und Freude. Die Dinge um mich herum füllen sich mit Leben, wenn ich an die Elfenwesen denke. In meiner Phantasie hüpfen die Elfen über die Mauer, an der ich vorbeilaufe, Springen auf meine Schulter und flüstern mir lustige Dinge ins Ohr. Dabei quatschen sie wild durcheinander, diskutieren eine mit der anderen, gucken sich schnippisch an und drängeln sich vor, weil jede zuerst sein will, mir einen Tip zu geben oder meine Nase mit Elfenstaub einzupudern. So kommt es vor, dass ich manchmal aus heiterem Himmel anfange zu kichern, nur weil in meinem Kopf zwei Lavendelelfen zwischen den Blüten hervorlugen und mir raten, doch langsamer zu laufen. Order die Birkenelfen, die mit den Sommersprossen, zwicken mich in den Ellenbogen und erinnern mich daran, dass ich noch einen Kuchen mit den Äpfeln aus dem Herbst backen wollte.

Da stehen die zwei so diskutierend vor dem Birkenbaum, freuen sich auch gleich am Apfelkuchen probieren zu können und ich lache und laufe weiter. Langweilig wird es mir nie mit den kleinen Begleitern und jeder Garten und jeder Ort in der Natur bekommt einen zauberhaften Anblick durch sie. Sie helfen mir, Probleme zu bewältigen, vorausschauend zu planen, Ängste zu lösen und der Welt schmunzelnd zu begegnen. Ach wie gern habe ich sie, diese kleinen Helferwesen.

Gartenelfen

Gartenelfen

Elfen sind Lebewesen, die in unserer Phantasie leben. Sie bevölkern Kräuter, Stauden, Gemüsepflanzen und Bäume. Sie wohnen unter Pilzen und Wurzeln, in Rindenhöhlen und auf Moosbettchen. Sie lieben Früchte, Beeren, Nektar und Blütenspitzen. Stellen wir uns einen Garten vor, der von Elfen bevölkert ist, bekommt dieser eine ganz besondere Lebendigkeit. Wir erkennen zentrale Punkte, die für die Elfen von Bedeutung sein könnten und eine natürliche Dynamik des Gartenwachstums wie sie von den Elfen gepflegt sein könnte. Auf diese Weise helfen die Elfen uns, den Garten naturnah zu gestalten und das ohne viel Arbeit, weil wir die Kraft der Natur nutzen und Lebendigkeit walten lassen. Ein Garten, das kann ein Beet sein oder ein Waldstück oder auch ein Pflanzentopf auf der Fensterbank. Natur ist immer um uns, selbst in abgeschlossenen Räumen und mit unserer Phantasie können wir ihr Wesen wahrnehmen.

Hamsterrad der Globalisierung – die Geschichte einer Näherin

Hamsterrad der Globalisierung – die Geschichte einer Näherin

Eine besondere, alltägliche Geschichte

„Erzählst du gerne Geschichten?“ wurde ich neulich von meinem Freund Jairo, dem Kunst- und Musiklehrer vom Projekt Artepintura in ländlichen Gemeinden Nicaraguas gefragt. „Ja“ antwortete ich. „Vielleicht magst du einer Geschichte lauschen, die noch nicht viele Menschen ausserhalb Nicaraguas kennen. Eine Geschichte, die das Leben schreibt, erzählt von einer Frau, die in der „Zona Franca“ arbeitet, der Freihandelszone direkt neben unserer Gemeinde. Unser Projekt hatte schon des öfteren Besuch aus Nordamerika und oft haben sich die Besucher und Besucherinnen mit den Frauen zusammengesetzt und einfach nur ihrer Geschichte gelauscht. Den Frauen scheint es sehr gut zu tun, wenn sie sich jemanden ausserhalb der Gemeinde anvertrauen können. Ausserdem scheinen sie auf diese Weise ihre berechtigte Angst vor Ausländern zu verlieren, gewinnen somit Selbstvertrauen.“

Ein Gespräch im Garten

Das gefiel mir. Und somit bat ich Jairo, mir den Kontakt zu einer der Frauen herzustellen. Er lud Doña Mari Cruz ein. Nun sitzen wir also in seinem schönen Garten, zwischen Mangobäumen, Bananenstauden und Mandarinensträuchern. Die Hühner gackern und die Papageien kreischen, der Wind weht durch die Blätter. Die Frau, die mir gegenüber sitzt lächelt mich an und mit ihren leuchtenden Augen erzählt sie mir von ihrer Arbeit. Ihre Fröhlichkeit zeigt mir, wie sehr sie ihre Arbeit liebt, trotz Allem.
Ich begann in einer Zona Franca als ‚Auxiladora‘, als Nothelferin, das bedeutet, ich war dafür zuständig, die Maschinen der Näherinnen mit Stoffstücken, Eitiketten, Gummis, Fäden zu beliefern, damit sie nicht aufstehen mussten. Jede Reihe von 30 Frauen hatten die Aufgabe, 50.000 Stücke am Tag zu nähen. Ich musste all diese Stücke auf rechts drehen. Kannst du dir vorstellen, 50.000 Hemden am Tag auf Rechts zu drehen? Mein Rücken schmerzte sehr am Ende des Tages. Wir arbeiten von 7:45 bis 5 Uhr nachmittags, mittags geben sie uns 20 Minuten Pause.

Wir verdienen 120 Cordoba am Tag, das sind vier Euro. Überstunden zahlen sie gut, ein Euro pro Stunde, also hängten wir oft noch ein paar Stunden dran. Wenn gerade eine Eilbestellung anstand, arbeiteten wir sogar die Nacht durch und am nächsten Tag weiter um den Container mit Kleidern zu füllen. Wir beeilten uns, arbeiteten alle so schnell es ging, um endlich die Bestellung fertig zu bekommen. Um endlich nach Hause gehen zu können.“ Ich frage sie, ob sie nach so einem Marathon einen Tag frei bekommen. „Wir dürfen nach Hause, sobald die Bestellung fertig ist, doch am nächsten Tag geht die Arbeit wie gewohnt weiter.

Vom Regen in die Traufe

Diese Arbeit als Nothelferin war mir zu stressig, ich kündigte nach eineinhalb Jahren und begann in einer anderen Zone. Hier wurden wir für fertiges Stück bezahlt, direkt neben unserer Nähmaschine stand ein Computer, der unsere Effizienz berechnete. Wenn wir auf Toilette mussten, wurde die Effizienz herabgesetzt. Ich schaffte nie mehr als 85% Effizienz. Oft luden sie mich ins Büro ein und sagten, ich müsste endlich die 100% Effizienz schaffen. Diesen Druck hielt ich acht Monate aus, dann kündigte ich.

Kaffeearmut

Ich war also wieder zu Hause, ohne Essen, nichts zu kaufen für meine sechs Söhne. Wir zogen in den Norden, um Kaffee zu pflücken. Meine Kinder bei mir zog ich durch die Kaffeeplantagen, hielt Kälte aus und Hunger, versuchte so viel wie möglich zu pflücken, schaffte aber nur 3 Kisten am Tag. Jede Kiste wiegt ca. fünf Kilo und wird mit 16 Cordoba belohnt, 50 Cent. Davon konnte ich nicht leben.

Etikettentausch

Es war also wieder Zeit, meine Papiere zusammenzusuchen, für eine Bewerbung in der Zone brauchen wir ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Empfehlungsschreiben, Fotos. Ich kehrte zur ersten Fabrik zurück, diesmal als Näherin. Hier arbeite ich nun seit fünf Jahren. Wir nähen Hosen und Hemden, oft Monate lang das gleiche Modell. Für jedes Land gibt es ein anderes Markenetikett, also je nachdem von wo die Bestellung ist. In Deutschland heisst die Hose anders als in USA, Panama oder Japan. Einmal ist mir in all der Eile ein Fehler unterlaufen, ich habe die falschen Etiketten angenäht. Mir fiel es nach 500 Hosen auf. Mein Chef hat mich übelst geschimpft, ich weiss jetzt noch, ich bin an der Nähmaschine zusammengebrochen und habe bitter geweint. Dann musste ich alle Nähte aufmachen, die Etiketten werden mit einer Doppelnaht in die Hose eingenäht, und alle 500 Stücke neu nähen.
Ohne Krankenversicherung
Drei mal ist es mir passiert, dass ich beim Nähen bewusstlos wurde, ich bin jedes Mal im Krankenhaus wieder aufgewacht. Mein Herz wurde mit der Zeit schwach und auch meine Lunge, ich nehme 200 Tabletten im Monat. Was ich kaum aushalte zur Zeit ist der Druck in meinem Hals durch die Stofffussel, denn gerade bearbeiten wir ein besonders faseriges Material mit vielen Fusseln. Durch meine Herzkrankheit kann ich keine Maske tragen und daher kann ich mich nicht davor schützen. Wenn ich morgens krank bin, geh ich trotzdem zur Arbeit, denn sonst bekomme ich den Tag nicht bezahlt. Ich habe zwar eine Krankenversicherung, doch diese deckt nur zwei Stunden Arztbesuch, nicht den Arbeitsausfall bei Krankheit.

Für die Kinder

Auch wenn ich wenig verdiene, ich möchte doch gerne arbeiten, um meinen Kindern etwas geben zu können. Ich bin sehr froh über das Kinderkunstprojekt in unserer Gemeinde, mein jüngerer Sohn ist sehr begeistert von den Unterrichtsstunden und seit dem auch motivierter in der Schule.

Ein Traum

Ich möchte meine Stelle kündigen und von der kleinen Abfindung, die man mir zahlen wird, eine Nähmaschine kaufen. Ich besitze bereits eine Nähmaschine, da muss nur ein Teil ersetzt werden. Dann möchte ich Kleidungsstücke nähen für die Menschen aus der Gemeinde. Einen Rock für die Freundin, so wie er ihr gefällt, eine Bluse taillieren, vielleicht etwas selbst entwerfen. Mein Sohn, der achtzehnjährige Dani erzählte mir einst von seinem Traum: Mama, sagte er mir, ich habe geträumt, von unserer Nähmaschine. Und da war ein grosser Tisch. Ich habe ein Kleid genäht, ein schönes Kleid. Es war blassrosa und hatte eine Kreuznaht mit Spitze. Der Rock war dreifaltig, wie ein Schnabel und besonders…“
Doña Mari Cruz erzählt mir alle Details vom Traumkleid ihres Sohnes, benutzt dabei allerhand Fachbegriffe, die glaub ich nicht mal auf deutsch verstehen würde und ihre Augen leuchten beim Erzählen. Dann sagt sie mir, dass Dani sicherlich erst dann Ruhe geben wird, wenn er dieses Kleid geschneidert hat und dass sie sich wünschen würde, mit ihm zusammen eine Schneiderei aufzumachen. Sie möchte noch ein bisschen weiter in der Zone arbeiten, um zu lernen, wie man Schnitte macht, wie ein Muster auf Papier gebracht wird. Solange, sagt sie, wird sie sich weiter opfern, um leben zu können.

Na klar

Viele meiner Leser werden unbewusst denken: ‚Na klar, das ist ja auch in einem armen Land, hier leben arme Menschen. Das ist normal für sie, so zu arbeiten.‘ Ich bin niemandem böse deswegen, es ist unsere Form zu denken, um all dies irgendwie rechtfertigen zu können. Ich habe auch so gedacht, häufig. Doch nun, nach fast zwei Jahren Leben unter den Menschen hier, wird mir buchstäblich bewusst: Nein. Für niemand ist es normal, so zu arbeiten. Diese Menschen besitzen die gleiche Würde, die gleichen Träume, die gleichen Bedürfnisse wie jeder Mensch auf der Welt und sollte auch die gleichen Rechte haben. Vielleicht erinnern sich meine Leser beim nächsten Kauf eines Kleidungsstücks an die Näherinnen, die es gefertigt haben, egal in welchem Land. Ich persönlich wünsche Doña Mari Cruz und ihrer Familie alles Gute auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.