Die Oecofinca La Tuani

Die Oecofinca La Tuani

An der Westküste Nicaraguas, zwischen Masaya und den Vulkanbergen und Lagunen liegt eine kleine Finca mit Zitronenhainen, Bananenstauden, riesigen Avocadobäumen und einem kleinen, sich ökologisch entwickelten Regenwald. In den Jahren 2011 und 2012 habe ich dort gewohnt und die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft gestaltet. In dieser Zeit haben uns einige Freunde besucht und bei der täglichen Arbeit geholfen.

Die erste Besucherin, Lisa berichtet über ihren Aufenthalt auf der Finca:

„Die Finca steht auf einer Anhöhe mitten in einem schönen Waldgebiet mit Bananen – Avocado – Zitronen und Orangenplantagen.

Mangobäume und Palmen säumen den Weg und Kolibris, Schmetterlinge freuen sich über eine reiche Blumenvielfalt. Zusammen mit Grillen, zeitweise auch mal ein Schwein, oder Hühnchen vom Nachbarn bildet es ein kleines Paradies.

Ich habe mich gleich wohlgefühlt und genoss die Ruhe, kombiniert mit einem einfachen Fincaleben. Wir ernteten zusammen Zitronen die gerade reif waren und die später auf dem Markt von Diriamba verkauft werden sollten.

Durch Martinas Wissen und den unzähligen Erklärungen, über die verschiedenen Pflanzen und die Natur habe ich nicht nur staunen dürfen, sondern habe auch verstanden wie und wofür eine Pflanze wächst. Und so haben wir auch die hauseigene Aloe Vera benutzt, um Wunden zu heilen und leichte Sonnenbrände zu lindern.“

Wer in Nicaragua unterwegs ist und einige Zeit im Besucherhäuschen wohnen möchte und den Alltag auf einem tropischen Bauernhof erleben möchte, einfach bei Henry anrufen und nachfragen: (00505) 84637870 movistar oder (00505) 86456761 claro.

Weiter Lesen über ökologische Landwirtschaft und Aufforstung in den Tropen

Vorbereitungen zum Bilderwettbewerb in Nicaragua

Vorbereitungen zum Bilderwettbewerb in Nicaragua

Derzeit bereiten sich die Kinder vom Kunstprojekt Artepintura in Nicaragua auf den großen Bilderwettbewerb vor. Die Preisverkündung wird am 31. Oktober 2014 stattfinden. Wie jedes Jahr ist dieses Datum eine Höhepunkt der Gruppe und die Kinder zeigen ihre Bilder, spielen Musik und zeigen wunderschöne Tanzdarbietungen. Dieses Jahr ist das Thema: “ Meine Rechte und Pflichten in der Gemeinschaft“. Am Programm Artepintura nehmen 300 Kinder in 5 ländlichen Gemeinden teil. Der regelmäßige Kunstunterricht durch freiwillige Jugendliche fördert das Gemeinschaftsgefühl, bietet Umweltbildung und fördert das Selbstvertrauen der Kinder, die sonst nicht viel Möglichkeiten einer Freizeitbeschäftigung haben.

Sie sind noch auf der Suche nach Sponsoren für Farbe und Papier, damit sie am Wettbewerb teilnehmen können. Wer sich mit einem kleinen Beitrag beteiligen möchte, bitte melden!

Mehr Informationen und Bilder gibt es jetzt auf der neuen Facebookfanseite von Artepintura

Danke!

Danke!

Foto von Toni Fromm

Ich bin wieder da von meiner Reise in Nicaragua, habe bewegende Momente mit einer wunderbaren Gruppe erlebt.

Ein ganz besondererer Moment war der Besuch von Doña Mari, mit der ich im Februar dieses Jahres ein Interview gemacht habe. Nach meinem Aufruf im Oktober haben sich genug bei mir gemeldet, die sich an den Kosten für eine neue Nähmaschine beteiligt haben. Wie hat sie sich gefreut über unser Geschenk! Was für uns gerade Mal ein Gutes Essen in einem Restaurant kostet, kann sich Doña Mari nicht von ihrem geringen Gehalt absparen, um eine eigene Nähmaschine zu kaufen. Ich danke den Helferinnen, die dazu beitrugen, ihr diesen besonerden Wunsch zu erfüllen!

Nun möchten wir sie gerne weiter begleiten, damit sie einen guten Start hat und stabil in ihre Selbständigkeit einsteigen kann.

Sie wird damit anfangen, tradtionelle Kleider zu nähen, sogenannte Huipiles, mit denen die Frauen und Mädchen auf Volksfesten tanzen.

Was mir gut an der Idee gefällt ist, dass sie dadurch nicht mehr vom internationalen Handel abhängig ist, sondern die lokale Wirtschaft und Kultur unterstützt. Auf diese Weise kann die Bevölkeung einen Teil ihrer Identität und Würde wiedererlangen. Denn da die Natur in diesem Land den Menschen so viel geben kann, wären sie ohne Einfluss aus dem Ausland besser dran. Eigentlich klar, denn nur wo Beute ist, kann auch ausgebeutet werden. Und wer seine Würde wiedererlangt, gewinnt Selbstvertrauen und kann auch wieder zu Wohlstand kommen. Ich wünsche es ihr sehr!

Vielleicht möchtet ihr ja noch eine Märchen-CD ZU Weihnachten verschenken und dabei dem Aufbau von Maris Werkstatt unterstützen.

Mehr zum Thema lesen im: Interview mit Doña Mari

Kunst für eine gerechtere Welt

Kunst für eine gerechtere Welt

Im Februar habe ich mit einen Näherin aus Nicaragua gesprochen, die in einer großen Fabrik arbeitet. Sie beschrieb mir ihr hartes Leben und über ihre Träume, ihre eigene Situation zu verbessern. Nun möchte ich ihr helfen und ihr eine Startfinanzierung für die Nähmaschine geben. Dafür brauche ich noch Hilfe! Wer etwas direkt an das Projet spenden möchte, bitte eine email an gartentor(ät)gartenelfen.de schreiben, ich sag Bescheid, wie das möglich ist.

Alexandra Martin vom Kronschatz hilft uns mit ihrer Kunst: Für den Kauf einer Märchen-CD spendet sie 2 Euro an das Projekt!!

www.kronschatz.de

 

 

Eine besondere, alltägliche Geschichte

Du erzählst gerne Geschichten?“ fragte mich mein Freund Jairo, der Kunst- und Musiklehrer vom Projekt Artepintura in ländlichen Gemeinden Nicaraguas. „Ja“ antwortete ich. „Vielleicht magst du einer Geschichte lauschen, die noch nicht viele Menschen ausserhalb Nicaraguas kennen. Eine Geschichte, die das Leben schreibt, erzählt von einer Frau, die in der „Zona Franca“ arbeitet, der Freihandelszone direkt neben unserer Gemeinde. Unser Projekt hatte schon öfters Besuch aus Nordamerika und oft haben sich die Besucher und Besucherinnen mit den Frauen zusammengesetzt und einfach nur ihrer Geschichte gelauscht. Den Frauen scheint es sehr gut zu tun, wenn sie sich jemanden ausserhalb der Gemeinde anvertrauen können. Ausserdem scheinen sie auf diese Weise ihre berechtigte Angst vor Ausländern zu verlieren, gewinnen somit Selbstvertrauen.“

Ein Gespräch im Garten

Das gefiel mir. Und somit bat ich Jairo, mir den Kontakt zu einer der Frauen herzustellen. Er lud Doña Mari Cruz ein. Nun sitzen wir also in seinem schönen Garten, zwischen Mangobäumen, Bananenstauden und Mandarinensträuchern. Die Hühner gackern und die Papageien kreischen, der Wind weht durch die Blätter. Die Frau, die mir gegenüber sitzt lächelt mich an und mit ihren leuchtenden Augen erzählt sie mir von ihrer Arbeit. Ihre Fröhlichkeit zeigt mir, wie sehr sie ihre Arbeit liebt, trotz Allem.
Ich begann in einer Zona Franca als ‘Auxiladora’, als Nothelferin, das bedeutet, ich war dafür zuständig, die Maschinen der Näherinnen mit Stoffstücken, Eitiketten, Gummis, Fäden zu beliefern, damit sie nicht aufstehen mussten. Jede Reihe von 30 Frauen hatten die Aufgabe, 50.000 Stücke am Tag zu nähen. Ich musste all diese Stücke auf rechts drehen. Kannst du dir vorstellen, 50.000 Hemden am Tag auf Rechts zu drehen? Mein Rücken schmerzte sehr am Ende des Tages. Wir arbeiten von 7:45 bis 5 Uhr nachmittags, mittags geben sie uns 20 Minuten Pause.

Wir verdienen 120 Cordoba am Tag, das sind vier Euro. Überstunden zahlen sie gut, ein Euro pro Stunde, also hängten wir oft noch ein paar Stunden dran. Wenn gerade eine Eilbestellung anstand, arbeiteten wir sogar die Nacht durch und am nächsten Tag weiter um den Container mit Kleidern zu füllen. Wir beeilten uns, arbeiteten alle so schnell es ging, um endlich die Bestellung fertig zu bekommen. Um endlich nach Hause gehen zu können.“ Ich frage sie, ob sie nach so einem Marathon einen Tag frei bekommen. „Wir dürfen nach Hause, sobald die Bestellung fertig ist, doch am nächsten Tag geht die Arbeit wie gewohnt weiter.

Vom Regen in die Traufe

Diese Arbeit als Nothelferin war mir zu stressig, ich kündigte nach eineinhalb Jahren und begann in einer anderen Zone. Hier wurden wir für fertiges Stück bezahlt, direkt neben unserer Nähmaschine stand ein Computer, der unsere Effizienz berechnete. Wenn wir auf Toilette mussten, wurde die Effizienz herabgesetzt. Ich schaffte nie mehr als 85% Effizienz. Oft luden sie mich ins Büro ein und sagten, ich müsste endlich die 100% Effizienz schaffen. Diesen Druck hielt ich acht Monate aus, dann kündigte ich.

Kaffeearmut

Ich war also wieder zu Hause, ohne Essen, nichts zu kaufen für meine sechs Söhne. Wir zogen in den Norden, um Kaffee zu pflücken. Meine Kinder bei mir zog ich durch die Kaffeeplantagen, hielt Kälte aus und Hunger, versuchte so viel wie möglich zu pflücken, schaffte aber nur 3 Kisten am Tag. Jede Kiste wiegt ca. fünf Kilo und wird mit 16 Cordoba belohnt, 50 Cent. Davon konnte ich nicht leben.

Etikettentausch

Es war also wieder Zeit, meine Papiere zusammenzusuchen, für eine Bewerbung in der Zone brauchen wir ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Empfehlungsschreiben, Fotos. Ich kehrte zur ersten Fabrik zurück, diesmal als Näherin. Hier arbeite ich nun seit fünf Jahren. Wir nähen Hosen und Hemden, oft Monate lang das gleiche Modell. Für jedes Land gibt es ein anderes Markenetikett, also je nachdem von wo die Bestellung ist. In Deutschland heisst die Hose anders als in USA, Panama oder Japan. Einmal ist mir in all der Eile ein Fehler unterlaufen, ich habe die falschen Etiketten angenäht. Mir fiel es nach 500 Hosen auf. Mein Chef hat mich übelst geschimpft, ich weiss jetzt noch, ich bin an der Nähmaschine zusammengebrochen und habe bitter geweint. Dann musste ich alle Nähte aufmachen, die Etiketten werden mit einer Doppelnaht in die Hose eingenäht, und alle 500 Stücke neu nähen.
Ohne Krankenversicherung
Drei mal ist es mir passiert, dass ich beim Nähen bewusstlos wurde, ich bin jedes Mal im Krankenhaus wieder aufgewacht. Mein Herz wurde mit der Zeit schwach und auch meine Lunge, ich nehme 200 Tabletten im Monat. Was ich kaum aushalte zur Zeit ist der Druck in meinem Hals durch die Stofffussel, denn gerade bearbeiten wir ein besonders faseriges Material mit vielen Fusseln. Durch meine Herzkrankheit kann ich keine Maske tragen und daher kann ich mich nicht davor schützen. Wenn ich morgens krank bin, geh ich trotzdem zur Arbeit, denn sonst bekomme ich den Tag nicht bezahlt. Ich habe zwar eine Krankenversicherung, doch diese deckt nur zwei Stunden Arztbesuch, nicht den Arbeitsausfall bei Krankheit.

Für die Kinder

Auch wenn ich wenig verdiene, ich möchte doch gerne arbeiten, um meinen Kindern etwas geben zu können. Ich bin sehr froh über das Kinderkunstprojekt in unserer Gemeinde, mein jüngerer Sohn ist sehr begeistert von den Unterrichtsstunden und seit dem auch motivierter in der Schule.

Ein Traum

Ich möchte meine Stelle kündigen und von der kleinen Abfindung, die man mir zahlen wird, eine Nähmaschine kaufen. Ich besitze bereits eine Nähmaschine, da muss nur ein Teil ersetzt werden. Dann möchte ich Kleidungsstücke nähen für die Menschen aus der Gemeinde. Einen Rock für die Freundin, so wie er ihr gefällt, eine Bluse taillieren, vielleicht etwas selbst entwerfen. Mein Sohn, der achtzehnjährige Dani erzählte mir einst von seinem Traum: Mama, sagte er mir, ich habe geträumt, von unserer Nähmaschine. Und da war ein grosser Tisch. Ich habe ein Kleid genäht, ein schönes Kleid. Es war blassrosa und hatte eine Kreuznaht mit Spitze. Der Rock war dreifaltig, wie ein Schnabel und besonders…“
Doña Mari Cruz erzählt mir alle Details vom Traumkleid ihres Sohnes, benutzt dabei allerhand Fachbegriffe, die glaub ich nicht mal auf deutsch verstehen würde und ihre Augen leuchten beim Erzählen. Dann sagt sie mir, dass Dani sicherlich erst dann Ruhe geben wird, wenn er dieses Kleid geschneidert hat und dass sie sich wünschen würde, mit ihm zusammen eine Schneiderei aufzumachen. Sie möchte noch ein bisschen weiter in der Zone arbeiten, um zu lernen, wie man Schnitte macht, wie ein Muster auf Papier gebracht wird. Solange, sagt sie, wird sie sich weiter opfern, um leben zu können.

Na klar

Viele meiner Leser werden unbewusst denken: ‘Na klar, das ist ja auch in einem armen Land, hier leben arme Menschen. Das ist normal für sie, so zu arbeiten.’ Ich bin niemandem böse deswegen, es ist unsere Form zu denken, um all dies irgendwie rechtfertigen zu können. Ich habe auch so gedacht, häufig. Doch nun, nach fast zwei Jahren Leben unter den Menschen hier, wird mir buchstäblich bewusst: Nein. Für niemand ist es normal, so zu arbeiten. Diese Menschen besitzen die gleiche Würde, die gleichen Träume, die gleichen Bedürfnisse wie jeder Mensch auf der Welt und sollte auch die gleichen Rechte haben. Vielleicht erinnern sich meine Leser beim nächsten Kauf eines Kleidungsstücks an die Näherinnen, die es gefertigt haben, egal in welchem Land. Ich persönlich wünsche Doña Mari Cruz und ihrer Familie alles Gute auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.

Einkaufen nach den Jahreszeiten

Einkaufen nach den Jahreszeiten

Als das „Dschungelkind“ Sabine Kuegler begann in Deutschland zu leben musste sie erst lernen, wie man im Supermarkt einkaufen gehen kann. Sie war gewohnt, im Dschungel das zu sammeln, was an den Bäumen wuchs. So ein Dschungel-Supermarkt geht mit der Natur und zu jeder Saison gibt es anderes Obst oder Gemüse zu sammeln. Auch bei uns wächst unsere Nahrung saisonal, schon aufgrund der strengen Winter. Im Frühling erwacht die Natur und es gibt frische Blätter. Es beginnt die Spargelzeit, der Rhabarber, erste Salate. Dann im Frühsommer das erste Beerenobst und frühes Gemüse. Langsam reifendes Obst wie Äpfel oder Trauben sind im Herbst reif.

Unsere Supermärkte suggerieren uns durch ihr ganzjähriges Angebot, dass es alles immer gibt. Doch wer auf das Herkunftsland achtet, wird erkennen, dass ein Grossteil der Äpfel derzeit von der Südhalbkugel kommt, dort wo jetzt gerade Herbst war und frisch geerntet wurde. Ganz langsam fangen hier die Frühäpfel an, reif zu werden.

Kooprativen des fairen Handels zB. bei preda waren erstaunt dass die Handelspartner die Mangos nicht ausserhalb der Saison brauchen sondern, weil sie sie trockneten für Mangochips gerne während der Saison. Auf dem lokalen Markt seigt der Preis ausserhalb der Saison ins 10 bis 20-fache. Deshalb wenden viele Bauern eine Methode an, um die Blütezeit außerhalb der Saison einzuleiten. Für die Pflanze bedeutet dies Stress, da sie mit weniger idealen Klimabedingungen zurecht kommen muss.

Auch für den Menschen ist es nicht unbedingt ideal, Obst und Gemüse ausserhalb der Saison zu essen. Unsere Kulturpflanzen sind in feinster Co-Evolution in jahrtausendlanger Entwickling gemeinsam mit uns Menschen entstanden. Man könnte sagen, ohne uns Menschen gäbe es nicht die Kuturpflanzen und uns Menschen gäbe es nicht in der heutigen Form ohne die Kulturpflanzen.

Die Evolution entwickelt sich mit dem Klima, mit technischen Faktoren wie Lagermöglichkeiten, Feuer und auch mit Krankheiten, Feinden, anderen Arten. Vitaminreiche Äpfel helfen uns beispielsweise im kalten Winter gegen Krankheiten und im Sommer erfrischen uns Kirschen und Pflaumen. So gesehen kann man sagen, die Natur hat sich etwas dabei „gedacht“, dass Gemüse und Obst saisonal verfügbar ist. Unsere Aufgabe ist nun, wieder darauf zu achten, was uns zu welchem Zeitpunkt von ihr geschenkt wird. Ein Gespräch mit dem lokalen Bauern, im Hofladen oder im Bioladen um die Ecke kann uns da sehr viel weiterhelfen. Eine lokale Gemüsekiste bringt unsere Nahrungsgewohnheiten in den Rhytmus der Natur. Oder wir beobachten die Bäume und Felder um uns herum oder pflanzen Obst und Gemüse in unserem Garten – und kaufen dort ein, ganz nach dem den Jahreszeiten.

Hamsterrad der Globalisierung – die Geschichte einer Näherin

Hamsterrad der Globalisierung – die Geschichte einer Näherin

Eine besondere, alltägliche Geschichte

„Erzählst du gerne Geschichten?“ wurde ich neulich von meinem Freund Jairo, dem Kunst- und Musiklehrer vom Projekt Artepintura in ländlichen Gemeinden Nicaraguas gefragt. „Ja“ antwortete ich. „Vielleicht magst du einer Geschichte lauschen, die noch nicht viele Menschen ausserhalb Nicaraguas kennen. Eine Geschichte, die das Leben schreibt, erzählt von einer Frau, die in der „Zona Franca“ arbeitet, der Freihandelszone direkt neben unserer Gemeinde. Unser Projekt hatte schon des öfteren Besuch aus Nordamerika und oft haben sich die Besucher und Besucherinnen mit den Frauen zusammengesetzt und einfach nur ihrer Geschichte gelauscht. Den Frauen scheint es sehr gut zu tun, wenn sie sich jemanden ausserhalb der Gemeinde anvertrauen können. Ausserdem scheinen sie auf diese Weise ihre berechtigte Angst vor Ausländern zu verlieren, gewinnen somit Selbstvertrauen.“

Ein Gespräch im Garten

Das gefiel mir. Und somit bat ich Jairo, mir den Kontakt zu einer der Frauen herzustellen. Er lud Doña Mari Cruz ein. Nun sitzen wir also in seinem schönen Garten, zwischen Mangobäumen, Bananenstauden und Mandarinensträuchern. Die Hühner gackern und die Papageien kreischen, der Wind weht durch die Blätter. Die Frau, die mir gegenüber sitzt lächelt mich an und mit ihren leuchtenden Augen erzählt sie mir von ihrer Arbeit. Ihre Fröhlichkeit zeigt mir, wie sehr sie ihre Arbeit liebt, trotz Allem.
Ich begann in einer Zona Franca als ‚Auxiladora‘, als Nothelferin, das bedeutet, ich war dafür zuständig, die Maschinen der Näherinnen mit Stoffstücken, Eitiketten, Gummis, Fäden zu beliefern, damit sie nicht aufstehen mussten. Jede Reihe von 30 Frauen hatten die Aufgabe, 50.000 Stücke am Tag zu nähen. Ich musste all diese Stücke auf rechts drehen. Kannst du dir vorstellen, 50.000 Hemden am Tag auf Rechts zu drehen? Mein Rücken schmerzte sehr am Ende des Tages. Wir arbeiten von 7:45 bis 5 Uhr nachmittags, mittags geben sie uns 20 Minuten Pause.

Wir verdienen 120 Cordoba am Tag, das sind vier Euro. Überstunden zahlen sie gut, ein Euro pro Stunde, also hängten wir oft noch ein paar Stunden dran. Wenn gerade eine Eilbestellung anstand, arbeiteten wir sogar die Nacht durch und am nächsten Tag weiter um den Container mit Kleidern zu füllen. Wir beeilten uns, arbeiteten alle so schnell es ging, um endlich die Bestellung fertig zu bekommen. Um endlich nach Hause gehen zu können.“ Ich frage sie, ob sie nach so einem Marathon einen Tag frei bekommen. „Wir dürfen nach Hause, sobald die Bestellung fertig ist, doch am nächsten Tag geht die Arbeit wie gewohnt weiter.

Vom Regen in die Traufe

Diese Arbeit als Nothelferin war mir zu stressig, ich kündigte nach eineinhalb Jahren und begann in einer anderen Zone. Hier wurden wir für fertiges Stück bezahlt, direkt neben unserer Nähmaschine stand ein Computer, der unsere Effizienz berechnete. Wenn wir auf Toilette mussten, wurde die Effizienz herabgesetzt. Ich schaffte nie mehr als 85% Effizienz. Oft luden sie mich ins Büro ein und sagten, ich müsste endlich die 100% Effizienz schaffen. Diesen Druck hielt ich acht Monate aus, dann kündigte ich.

Kaffeearmut

Ich war also wieder zu Hause, ohne Essen, nichts zu kaufen für meine sechs Söhne. Wir zogen in den Norden, um Kaffee zu pflücken. Meine Kinder bei mir zog ich durch die Kaffeeplantagen, hielt Kälte aus und Hunger, versuchte so viel wie möglich zu pflücken, schaffte aber nur 3 Kisten am Tag. Jede Kiste wiegt ca. fünf Kilo und wird mit 16 Cordoba belohnt, 50 Cent. Davon konnte ich nicht leben.

Etikettentausch

Es war also wieder Zeit, meine Papiere zusammenzusuchen, für eine Bewerbung in der Zone brauchen wir ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Empfehlungsschreiben, Fotos. Ich kehrte zur ersten Fabrik zurück, diesmal als Näherin. Hier arbeite ich nun seit fünf Jahren. Wir nähen Hosen und Hemden, oft Monate lang das gleiche Modell. Für jedes Land gibt es ein anderes Markenetikett, also je nachdem von wo die Bestellung ist. In Deutschland heisst die Hose anders als in USA, Panama oder Japan. Einmal ist mir in all der Eile ein Fehler unterlaufen, ich habe die falschen Etiketten angenäht. Mir fiel es nach 500 Hosen auf. Mein Chef hat mich übelst geschimpft, ich weiss jetzt noch, ich bin an der Nähmaschine zusammengebrochen und habe bitter geweint. Dann musste ich alle Nähte aufmachen, die Etiketten werden mit einer Doppelnaht in die Hose eingenäht, und alle 500 Stücke neu nähen.
Ohne Krankenversicherung
Drei mal ist es mir passiert, dass ich beim Nähen bewusstlos wurde, ich bin jedes Mal im Krankenhaus wieder aufgewacht. Mein Herz wurde mit der Zeit schwach und auch meine Lunge, ich nehme 200 Tabletten im Monat. Was ich kaum aushalte zur Zeit ist der Druck in meinem Hals durch die Stofffussel, denn gerade bearbeiten wir ein besonders faseriges Material mit vielen Fusseln. Durch meine Herzkrankheit kann ich keine Maske tragen und daher kann ich mich nicht davor schützen. Wenn ich morgens krank bin, geh ich trotzdem zur Arbeit, denn sonst bekomme ich den Tag nicht bezahlt. Ich habe zwar eine Krankenversicherung, doch diese deckt nur zwei Stunden Arztbesuch, nicht den Arbeitsausfall bei Krankheit.

Für die Kinder

Auch wenn ich wenig verdiene, ich möchte doch gerne arbeiten, um meinen Kindern etwas geben zu können. Ich bin sehr froh über das Kinderkunstprojekt in unserer Gemeinde, mein jüngerer Sohn ist sehr begeistert von den Unterrichtsstunden und seit dem auch motivierter in der Schule.

Ein Traum

Ich möchte meine Stelle kündigen und von der kleinen Abfindung, die man mir zahlen wird, eine Nähmaschine kaufen. Ich besitze bereits eine Nähmaschine, da muss nur ein Teil ersetzt werden. Dann möchte ich Kleidungsstücke nähen für die Menschen aus der Gemeinde. Einen Rock für die Freundin, so wie er ihr gefällt, eine Bluse taillieren, vielleicht etwas selbst entwerfen. Mein Sohn, der achtzehnjährige Dani erzählte mir einst von seinem Traum: Mama, sagte er mir, ich habe geträumt, von unserer Nähmaschine. Und da war ein grosser Tisch. Ich habe ein Kleid genäht, ein schönes Kleid. Es war blassrosa und hatte eine Kreuznaht mit Spitze. Der Rock war dreifaltig, wie ein Schnabel und besonders…“
Doña Mari Cruz erzählt mir alle Details vom Traumkleid ihres Sohnes, benutzt dabei allerhand Fachbegriffe, die glaub ich nicht mal auf deutsch verstehen würde und ihre Augen leuchten beim Erzählen. Dann sagt sie mir, dass Dani sicherlich erst dann Ruhe geben wird, wenn er dieses Kleid geschneidert hat und dass sie sich wünschen würde, mit ihm zusammen eine Schneiderei aufzumachen. Sie möchte noch ein bisschen weiter in der Zone arbeiten, um zu lernen, wie man Schnitte macht, wie ein Muster auf Papier gebracht wird. Solange, sagt sie, wird sie sich weiter opfern, um leben zu können.

Na klar

Viele meiner Leser werden unbewusst denken: ‚Na klar, das ist ja auch in einem armen Land, hier leben arme Menschen. Das ist normal für sie, so zu arbeiten.‘ Ich bin niemandem böse deswegen, es ist unsere Form zu denken, um all dies irgendwie rechtfertigen zu können. Ich habe auch so gedacht, häufig. Doch nun, nach fast zwei Jahren Leben unter den Menschen hier, wird mir buchstäblich bewusst: Nein. Für niemand ist es normal, so zu arbeiten. Diese Menschen besitzen die gleiche Würde, die gleichen Träume, die gleichen Bedürfnisse wie jeder Mensch auf der Welt und sollte auch die gleichen Rechte haben. Vielleicht erinnern sich meine Leser beim nächsten Kauf eines Kleidungsstücks an die Näherinnen, die es gefertigt haben, egal in welchem Land. Ich persönlich wünsche Doña Mari Cruz und ihrer Familie alles Gute auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.

Sukzessionale Agroforstwirtschaft oder: Im Fluss der Natur

Sukzessionale Agroforstwirtschaft oder: Im Fluss der Natur

Während meiner Zeit in Nicaragua wurde ich zu einem Seminar geladen, dass Naturefund zusammen mit ADECA in der Region des tropischen Trockenwaldes durchführte. Als Referent war Walter Yana von ECOTOP geladen, ein Bauer aus dem Bolivianischen Tropenwald, mit jahrelanger Erfahrung in der Anwendung in sukzessionalen Agroforstsystemen. Er erklärte uns das Prinzip im botanischen Garten von Adeca. 30 Familien waren zum Seminar eingeladen, allesamt Bauern und Bäuerinnen, die vor Allem um ihre Selbstversorgung bemüht sind und nah am Existenzminimum leben.

Walter teilte uns in Gruppen uns stellte uns drei Fragen. Was produzieren wir? Welche Probleme haben wir? Welche Lösungen finden wir? Nun, in der Region der trockenen Tropen produzieren die Bauern Reis, Bohnen, Yucawurzeln, Hirse, Mais. Ihre Probleme sind Trockenheit, ausgelaugte Böden, Samenknappheit, vermehrte Plagen und Krankheiten, Klimawandel und Monokulturen. Lösungen sind Bewässerung, Düngung durch chemischen und organische Düngemittel, Schädlingsbekämpfungsmittel. Walter erzählt über seine Region in Bolivien. Hier werden auch Reis, Bohnen, Yuca, Hirse und Mais angebaut, außerdem noch Koka.

Die nicaraguanischen Bauern und Bäuerinnen schmunzelten. Aha, sagten sie, kein Wunder geht es ihnen gut, wenn sie Kokain verkaufen… Nein, sagt Walter, mit Kokain hat das nichts zu tun und es ist auch nichts illegales. Was es damit auf sich hat, will er uns dann erzählen, wenn wir schon auf unseren Stühlen einschlafen. So schnell bringt er uns dazu aber nicht, denn wir laufen durch den Garten zu einem kleinen Modell, dass er für uns aus Erde und Zweigen gebaut hat. Es zeigt die Wiederbesiedelung von ausgelaugten Böden durch die Natur.

Zunächst wachsen dort Pionierpflanzen wie Gräser und Kräuter. Gleichzeitig keimen Bäume. Absterbende Krautpflanzen formen fruchtbare Erde und ermöglichen es den Baumsamen, ihre Wurzeln zu erweitern. Die Bäume wiederum verlieren ihre Blätter und liefern Nahrung für die anderen Pflanzen. Es ist ein sich aufbauender Kreislauf, bei dem jedes Element eine wichtige Rolle spielt, auch wenn es nicht auf dem Ersten Blick ersichtlich ist. Auf diese Weise formt sich eine dicke Bodenschicht und es entsteht das produktivste Ökosystem der Welt: Ein Wald.

Die Bauern und Bäuerinnen in Bolivien nutzen dieses Prinzip, um die Fruchtbarkeit der Böden und eine gesunde Dynamik der Landwirtschaft aufzubauen und beizubehalten. Sie versuchen dabei, die Landwirtschaft möglichst nahe im Bereich des Waldes zu halten, also Pflanzen verschiedener Stratusschichten zu erhalten, die die Biomasse erhöhen. Direkt nach Aussaht von Kulturpflanzen wie Mais, Bohnen, Reis alle zusammen in Mischkultur, werden die Zweige der hohen und mittelhohen Bäume geschnitten um genügend Licht für die Saat bereitzustellen.

Die geschnittenen Blätter werden auf dem Boden verteilt, daraus entwickelt sich langsam aber stetig die Humusschicht. Durch Aufbau und Erhaltung der Pflanzenvielfalt wird das System resistent gegen Krankheiten und Plagen, die Bauern sparen sich also die Schädlingsbekämpfungsmittel. Unterm Strich gewinnt also der Wald und die Menschen.

Das klingt sehr interessant, spannend für alle Anwesenden. Es schläft also niemand, dennoch wollen wir jetzt wissen, was es mit dem Koka auf sich hat. Walter erklärt uns, dass es eine alte Kulturpflanze der indianischen Bauern in Bolivien ist, die in der Backe gekaut wird. Sie soll aufweckend wirkend und Hunger stillen. Vor dem Samensäen werden Kokablätter und Wein den Göttern geopfert.
Ein Bauer stellt die Frage, welche Götter es denn sind, er kenne nur einen, das wäre Jesus Christus. Walter erklärt den dass es jeder Gott sein kann, vor Allem wird in Bolivien Pacha Mama, die Mutter Erde verehrt. Was der Mensch von ihr nimmt, muss er ihr wieder zurückgeben und sei es in Form von etwas, was er nicht braucht. Die nicaraguanischen Bauern staunten und ich schmunzelte über diesen spannenden Moment der zwischenamerikanischen Kulturbegegnung.

Am folgenden Tag durften wir unsere eigene Parzelle im Botanischen Garten von ADECA anlegen. Wir säen eine Vielfalt von Samen: Mais, Bohnen, Yucawurzeln, Waldbäume, Sträuchern, Fruchbäumen. Die umstehenden Bäume wurden entastet und ihre Blätter auf dem Boden verteilt. Wie motiviert alle mit ihren Macheten hieben! Ah, im Zerstören sind wir gut, witzelte Henry mit den Bauern, im Aufbauen müssen wir uns noch üben. Die umstehenden Bäuerinnen lachten.

In mir hat das neue Prinzip einen deutlichen Aha!- Effekt ausgelöst. Denn für mich neu ist Idee, so vielfältige Samen wie möglich zu säen, sich alle Stratusschichten zu bedienen um die natürliche Dynamik zu erhalten und an Maximum am Biomasse zu erzeugen, die dem Boden durch Baumschnitt schneller in Form von sich langsam zersetzendem Humus zurückgegeben wird. Und das alles ohne Dünger und Schädlingsbekämpfung.

Das Prinzip kann auf jedem Fleck der Erde angewendet werden. Allerdings benötigt es eine Anpassung an das jeweilige lokale Ökosystem. Das Prinzip, so gut es ist, hat sich noch nicht wie Lauffeuer um die Welt verbreitet, da es eines gewissen Feingefühls und einer stetigen Pflege bedarf, damit es nicht aus dem Gleichgewicht gerät und zum Beispiel die schnell wachsenden Bäume die Kulturpflanzen verdrängen. Der Bauer oder die Bäuerin muss also eine Gabe besitzen: In der Natur zu lesen. Die Natur ist die Beste Lehrerin der Welt, nur wir scheinen vergessen zu haben, ihre Sprache zu verstehen. Walter sagte uns, alle Anzeichen, seien es Krankheiten, zu schnelles oder zu langsames Wachstum, Schädlinge, sind Zeichen der Natur, die wir interpretieren können um unsere Pflegemaßnahmen anzupassen.